Neue molekularbiologische Untersuchungen zur Ursache von ALS

Die Forschergruppe um Professor J. Penninger vom IMBA Wien stellt in der angesehenen, wissenschaftlichen Zeitschrift Nature im Jänner 2013 neue Ergebnisse der Molekularbiologie zum Zelluntergang von Motoneuronen vor (Motoneurone sind Nervenzellen, die die Muskulatur und damit die Bewegung des Körpers steuern).

Dazu wurden genetisch veränderte Mäuse gezüchtet, denen ein bestimmtes Eiweißmolekül, die sogenannte CLP1-Kinase, fehlt. Diese transgenen Mäuse entwickeln bereits in der Embryonalphase bzw. kurz nach der Geburt eine zunehmende Muskelschwäche bis hin zu einer tödlichen Zwerchfelllähmung. In relativ komplizierten Experimenten können die Forscher zeigen, dass es durch das genetisch bedingte Fehlen der CLP1-Kinase zu einer Anhäufung von Bruchstücken anderer Eiweißmoleküle, sogenannter Tyrosin-tRNA Fragmente, in den Nervenzellen kommt. Das führt zu einer Sensibilisierung der Zellen für den sogenannten programmierten Zelltod (vermittelt durch Aktivierung des p53-Gens) bei Auftreten von oxidativem Stress.

Bedeutung dieser Ergebnisse für ALS:
Die vereinfacht zusammengefassten Ergebnisse der Wiener Molekularbiologen um Professor J. Penninger sind wissenschaftlich hoch interessant, zeigen sie doch einen bisher nicht bekannten Mechanismus der Schädigung von Motoneuronen. Unmittelbare Folgerungen für ALS sind daraus aber aus folgenden Gründen derzeit nicht ableitbar.
1. Forschungsergebnisse an genetisch veränderten Mäusen waren bisher oft schlecht auf den Menschen übertragbar (z.B. SOD1-Modell bei vielen Medikamentenstudien).
2. Die veröffentlichten Untersuchungen beziehen sich ausschließlich auf das 2. Motoneuron im Rückenmark. Vergleichbare Studien zum 1. Motoneuron im Gehirn, welches bei ALS immer mitbetroffen ist, fehlen zur Zeit noch.
3. Die in der Wissenschaft notwendige Bestätigung der Ergebnisse durch ein zweites, unabhängiges Labor ist noch ausständig.
4. Die Autoren selbst sind bei der Interpretation ihrer Ergebnisse hinsichtlich einer möglichen Übertragbarkeit auf ALS sehr zurückhaltend und erwähnen ALS nur im allerletzten Satz ihrer Publikation.
5. Der Versuch eines „therapeutischen“ Ansatzes mit Abschaltung des p53-Gens führt bei diesen transgenen Mäusen zur Krebsentstehung.

Zusammenfassung: Die Studienergebnisse stellen einen wichtigen Beitrag zur ALS-Forschung dar, dessen Bedeutung zur Aufklärung der Ursache und damit zur Entwicklung einer Therapie aus heutiger Sicht noch nicht abzuschätzen ist. Weitere Forschung in diese Richtung ist daher notwendig.

Originalarbeit: www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/full/nature11923.html

Verfasser der Zusammenfassung: DI Dr. H. Lahrmann

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